dieser beitrag wurde verfasst in: deutsch (ger/deu/de)
titel: Oskar Reinhart: ein Sammler, zwei Museen
+: In: Lukas Gloor und Peter Wegmann (Hg.), Im Licht der Romandie. Oskar Reinhart als Sammler von Westschweizer Kunst, Ostfildern 2001, S. 37–68
«Hatte sein [Oskar Reinharts] Konzept von 1922 [für den Galeriebau am Römerholz] noch sechs Räume für die Galerie vorgesehen, waren jetzt [1924] alle Raumeinteilungen zur Gliederung der Sammlung nach Schulen oder Epochen aufgegeben. Übrig blieben in äusserster Konzentration zwei Räume, die grundlegenden Formen des Staffeleibildes entsprachen: der grosse, von einer majestätischen Laterne überdachte Kuppelraum für die Galerieformate und der ihm entlang laufende schmale, von einem flachen Oberlicht erhellte Seitensaal für die Kabinettstücke der Sammlung. Das so entstehende 'Museum der europäischen Kunst' entfaltete vor allem im grossen Galerietraum eine Wirkung, die von Besuchern mit einer antiken Rednertribüne verglichen wurde. Auf ihr hatten sich die Bilder im Dialog mit- und gegeneinander zu behaupten, und die Meister der europäischen Kunst grüssten sich über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg. Von dieser Inszenierung besonders hervorgehoben sahen sich die französischen Impressionisten. Sie waren jetzt endgültig in eine Reihe gestellt mit den aller Kritik längst entrückten Meistern der Vergangenheit und erschienen damit weit eher als Bestandteil einer neuen Klassik denn als Ausgangspunkt einer dynamischen Entwicklung. Programmatisch erfasste Reinhart mit seinem Blick auf die Kunst der vergangenen fünfhundert Jahre nicht ihre Bruchstellen, sondern ihre Kontinuität – eine Haltung, die in vollendeter Übereinstimmung mit dem 'rappel à l'ordre' der Nachkriegszeit stand und dem Wunsch nach einem zeitenthobenen und sicheren künstlerischen Massstab entsprach, der jetzt überall dem bilderstürmerischen Aufbruch der Vorkriegs-Moderne entgegengehalten wurde […]» (S. 51–52)