dieser beitrag wurde verfasst in: deutsch (ger/deu/de)
verfasserin/verfasser: Frank Schulz-Nieswandt
titel: Metaphysik der Sozialpolitik. Richard Seewald und der Renouveau catholique: Spurensuche auf dem Weg zum religiösen Sozialismus
isbn: 978-3-8260-6437-1
+: Würzburg 2018
«In vielerlei Hinsicht ähneln sich dergestalt die Griechenlanderfahrungen von [Erhart] Kästner und [Richard] Seewald. Beide tauchen ein in eine Lichtmetaphysik eines pantheistisch anmutenden Landschaftserlebens tiefer Frömmigkeit des demütigen Staunens. Beide denke das Erleben im Modus von Bildern. Beide denken kultur- und zivilisationskritisch die Seinsvergessenheit der Moderne und des modern regierten Menschen an. Beide weisen letztendlich melancholische Züge auf.
Doch taucht Seewald im Gegensatz zu Kästner nicht ein in eine letztendlcih psychodynamisch zu verstehende weltabgewandte Mystik, teilt nicht den Ekel als eskapistische Haltung und als borderlinen […] Erfahrungsmodus der konservativen Revolution. Seewald ist, sicherlich kritisch reflektierend, der Demokratie zugewandt und versteht sich, wie auch Guardini (2003), als Anhänger einer Friedensordnung des vereinten Europas. Er ist, psychodynamisch betrachtet, habituell nicht geprägt von einer intra-personalen Einschreibung einer passiv-agressiven Logik der konservativ-revolutionären Welterfahrung. Mag er in seiner Kunsterfahrung auch einer dogmatischen ORDO-Welt im Laufe seines Lebens immer mehr zuneigen und die Begeisterung abstrakter Hermetik bei Kästner nicht folgen, so erweist er sich als moderner Traditionalist […] dort, wo es um die Ordnung der polis geht. […]» (S. 83–84)
«[…] Seewald war Polis-Ontologe: Er betonte die Bedeutung des homo politicus (des aristotelischen zoon politicon). Hätte er, dabei von der Frage abgesehen, ob er die Positionierung von [Albert] Camus in diesem Diskursfeld wirklich tief genug verstanden hat, doch eher [Antoine de] Saint-Exupéry (1955) gelesen! Dann wäre auf Grund des Prinzips der Liebe und der Freundschaft sowie der Bindung des Menschen an seine ihn erst hervorbringenden Gemeinschaften der Habitus des Unpolitischen bei Kästner so nicht möglich. Ich hatte ja schon kritisch angemerkt, dass die beziehung des Kreises um Seewald zu 'dem' Existenzialismus mitunter gerade unter der fehlenden Differenzierung dieses Konstruktes litt.» (S. 89)
«Die bildtheoretischen Überlegungen von Richard Seewald lassen sich auch seinem Buch 'Zugälle – Einfälle. Gleichnisse des Sichtbaren' (Seewald 1966) entnehmen. […] Einsicht bleibt an Anschauung gebunden: 'Es gibt keine Einsicht ohne Anschauung.' (S. 26) […] zeitlose Landschaft bukolischer Art, wo sich Idyllisches (des Nordens) mit heroischem (des Südens) mischt. […] Doch all dies ist nicht einfach nur weltverlierende Hinwendung zum Göttlichen, sondern: 'Der Mensch bleibt am Ende das letzte Ziel unserer Neugier.' (S. 65) […] Die Würde des Menschen hängt dagegen an der Übernahme von Verantwortung (S. 101).» (S. 92–93)
«[…] Betont werden Mass, ein klassischer Topos in neoantiker Haltungspflege vieler Konservatismen, und in diesem Lichte öffentliche Plätze, also durch Ränder und rahmende Grenzen konstituierte Spielräume der Freiheit (Seewald 1972), eben, im Kontrast dazu, nicht die Moloch-artigen Grossstädte als wuchernde Entgrenzungen und damit Zerstörungen des menschlichen Masses (Seewald 1960a, S. 16). In der modernen Stadt gibt es viel Platz für Automobile: 'Ein geradezu eschatologisches Zeichen.' (Seewald 1972, S. 35)» (S. 94)
«'Hier also findet der Mensch sein wahres Mass: Erst der Platz macht jede Siedlung zu einem Gemeinwesen, zur polis.' ([Seewald 1960a,] S. 151) Die moderne Architektur baue so nicht mehr, es gebe nur noch die Hierarchie des Geldes, nicht mehr die des Geistes. Statt Menschenwürde nur noch Maschine und Hygiene (S. 152) und 'Aufmarsch der Massen' (S. 153): 'Aber beim Marschieren verliert der Mensch gerade das, was ihn zum Menschen macht, sein Ich.' (S. 153) Und damit die Musse. Die Eile verträgt sich nicht mit Würde (S. 153).
Würde ist Haltung, Ausdruck des Gesetzes (Seewald 1972, S. 31). Die Waagerechte des wahren Platzes braucht, ich referiere ja nur, die Senkrechte der menschlichen Figur (Seewald 1960a, S. 153). Alles andere ist Leere. Die Masse wimmelt im Sozialismus des Fortschritts und in der ent-individualisierten Welt des orients (Seewald 1960a, S. 152).» (S. 95)
«Eine sehr substantielle Quelle, die kunsttheoretischen Überlegungen von Richard Seewald zu entfalten, ist dessen Buch 'Über Malerei und das Schöne' (Seewald 1951):
Es geht um das Formproblem (S. 9). Hier in der Kunst, aber dies ist nur exemplarisch, geht es um die Form der Daseinsführung. Was ist im nachimpressionistischen Zeitalter die legitime Kunst? (S. 14f.)
[…] Expressionismus war sozialgeschichtlich der Ausdruck des geistigen Chaos. Abstraktionismus ist Ausdruck der Verzweiflung. So auch die Psychoanalyse. Doch die Form hat das Primat in der Kunst: der Lieblingssatz von Seewald. So wird transportiert, worum es ihm geht: Bedeutung, Symbol als Form der Bedeutung.» (S. 98)
[…] Und der beste Inhalt hängt an der vollkommenen Form. Insofern ist kreative Kunst dennoch immer nur 'Nachahmung'. Abstrakte Kunst ist unchristlich und uneuropäisch (S. 46). […] Der ganze Stolz der alten Griechen bestand ja darin, sich von den Barbaren abzugrenzen: 'Seien wir wieder Griechen!' (S. 46) Picasso sei Hybris! […] Dem christlichen Künstler gebühre dagegen Ehrfurcht: Ordnung und Hierarchie dürfen nicht zerstört werden. Die Moderne und ihre Psychoanalyse hebt den Minotaurus […] zur Oberfläche, im Glauben, sich zu befreien, lässt sich dergestalt aber beherrschen. Das ist dämonische Kunst und Ausdruck einer dämonisch beherrschten Gesellschaft.
Es ist genau dieser Punkt, der den Fehlschluss von Seewald erkennbar macht: Dämonische Kunst kann Kritik der dämonisch beherrschten Gesellschaft sein. Seine Analyse ist nicht logisch zwingend. Sie ist selbst mitunter etwas zwanghaft, neurotisch. Mag sein, dass wahre Kunst die Synthesis, die Identität des Schönen, der Liebe und der Gerechtigkeit (in Anlehnung an Theodor Häcker: S. 48), schafft. Aber Kunst, die zumindest die Anti-These schafft, ist nicht apologetisch identisch mit der Thesis, die apologetisch und affirmativ den status quo der verdorbenen Existenz zum Ausdruck bringt. Hier hätte sich Seewald durchaus an Adorno orientieren können.
Doch Seewald will Kunst nur gegeben sehen im wahren Zustand der geistigen Erleuchtung der vollendeten Schönheit von Liebe und Gerechtigkeit. Aber wer schützt diese Synthese dann vor billigem Kitsch der naiven Romantik, dass alles im Leben dekorativ glückt?» (S. 98–99)
«Hier ist nun einzugehen auf seine theorieträchtige Abhandlung 'Orbis Pictus' (Seewald 1975), die er mit 'Siebzehn Allegorien und Texte über die sichtbare Welt' untertitelt hat. 'Abbild unserer Zeit' sei die moderne Kunst, da sie Form-los geworden sei: 'Jegliches Ding verlor ihre jegliche Form.' (Seewald 1975). […] Kubistische Abstraktionen, so Seewald, als Funktion der Mathematik bieten diesen [apollonisch-dionysischen] Seinszugang nicht. Sie mögen entzücken, 'aber sie ermangeln der Fülle.' Fülle meint die Vielfalt kreatürlicher Dinge, die 'Wesensbilder des göttlichen Geistes' sind. Dieser Geist erfüllt die Dinge zur Fülle. […] Das Gültige im Bild ist 'die Idee des jeweiligen Dinges'.» (S. 103)
«Meine These ist: Seewald Kunstauffassung (Seewald 1951) kann auf den Begriff gebracht werden als erinnernde Seins-Nachahmung als 'post-naturalistische Symbolkunst' gegen die Abstraktion 'kykladischer Negerkunst' (Seewald 1960a, S. 80 sowie viele andere Fundstellen in Seewalds Gesamtwerk). Seewald neigte, etwa in der glasmalerischen Kirchen(innenraum)kunst, immer mehr zu einer allegorischen Kunst und zu katholisch geprägten religiösen Metaphern.
Da reichen ihm auch nicht (wie bei Purrmann) die Farben; die Dinge müssen abgebildet, im Zeichnen aufgeschrieben werden.» (S. 106–107)
«Die Liebe des heiligen Franz und die Klugheit des heiligen Thomas wirkten in Giotto, so dass es ihm möglich wurde, 'die Totalität des Sein sehen' (Seewald 1950, S. 103) zu können.Es öffnete ihm 'das Auge für die Kreatur' (S. 104). Der spätere Humanismus wurde blind 'für die göttliche Ordnung der Welt' (S. 107).
Dies war auch das Problem des nach- und anti-impressionistischen Expressionismus. Sie spendete, so die etwas verstiegene Position von Seewald, keine Bindung, keine 'religio, die eine Gemeinschaft gebildet hätte' (S. 141). Sie wären bei den Barbaren in die Schule gegangen, 'bei den Polynesiern und Negern, bei den Indiern (sic!) und Ostasiaten.' (S. 141) Dort fanden sie aber nur 'das magische Reich der Seele' (S. 141). Sie wollten Zeichen und Symbole schaffen: 'Dies Unterfangen war edel, ihr Mut gross.' (S. 142) Doch: 'Kein neuer Stern nämlich erschien über einem neuen Bethlehem.'
Und diese Daseinsverfehlung ging weiter: über die Neue Sachlichkeit zum magischen Realismus und Surrealismus. Dies mündete in eine Kunst der Psychoanalyse, eine 'Pseudoreligion' (S. 142). Sie war achristlich, antichristlich, dämonisch (S. 143). Hier machte es diese Form im Zuge des Primats der Form über den Inhalt unmöglich, christliche Kunst zu sein (S. 146f.).
Picasso nahm sich alle Freiheiten, aber Freiheit wozu? 'Das ist die Frage, die uns brennt.' (S. 148) 'Auch Barbaren sind frei: Frei von der edlen Zucht der Polis, frei von der verpflichtenden Tradition der Väter. Sie sind geschichtslos. (S. 148) Polis ist für Seewald 'ein fast heiliger Begriff' (Seewald 1963, S. 303). Moderne Städte sind dagegen unbewohnbar. Der Kontrast von Amerika zu Wien wird betont. Corbusier (der eine 'magische Höhle' baut: S. 308) und Frank Lloyd Wright stehen für den unwirklichen Zukunftsmenschen, nicht für Seinswahrheit (S. 304f.). Die technische Welt ist eine Welt der Magie, nicht der Wahrheit.
[…] Diese christliche Welt ist durchwaltet von Pan und Orpheus als figürliche Strukturkategorien einer christlichen Ontologie: 'Das Wort Gemeinschaft, zum Ekel missbracht in furchtbaren Jahren, ist uns allen doch mehr heute als eine undeutliche Sehnsucht.' (Seewald 1950, S. 148) Erneut erweist sich Seewald hier als Faschismuskritiker. Und Seewald konkretisierte diese Idee als eine Gemeinschaft der europäischen Völker und Rassen. Seewald hofft auf die Wiederkehr des Geistes, der die Seele und die Sinne neu christlich ordnet (Seewald 1950, S. 152).
Erkennbar wird, dass Seewald diese neue Ordnung extrem eurozentrisch definiert. Das wird man sich differenziert klarmachen müssen: Einerseits ist Seewald anti-nationalistisch und faschismuskritisch. Andererseits verkörpert er zeitlich die Generation vor der post-kolonialen De-Konstruktion. Seewald verkörpert die Theorie der Zivilisationsspitze des christlichen Europäers. […]» (S. 109–110)